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Die
Oststadt ist "dufte" oder: "Wolff & Sohn" riecht
von weitem schon". So hieß es bis 1973, als der Betrieb der
weltbekannten Parfümeriefabrik (Kaloderma!) an der Durlacher Allee
eingestellt wurde. Weitere Düfte beflügeln aber noch heute die
Oststadt: Hoepfners Malzgeruch aus der gleichnamigen Bierburg oder der
unverkennbare Duft der Hustenbonbons aus der Gutselfabrik Speck, die
unter dem Namen Rachengold Weltruhm erlangten! Unangenehme Düfte
konnten früher gelegentlich im Schlachthof wahrgenommen werden, wo
eigens die Schlachthausstraße abgesperrt wurde, damit die Schweine vor
dem Straßenverkehr Vorfahrt hatten. Heute riechen wir nur noch
Bratwurstduft, wenn auf dem nahe gelegenen Messplatz Jahrmarkt gefeiert
wird, denn wenn die Karlsruher "uff d' Mess' gehe", dann
pilgern sie auch in die Oststadt.
Die Oststadt ist ein Stadtteil mit großer Industriegeschichte, doch von
den traditionellen Fabriken ist nicht mehr viel erhalten. In der
Nähmaschinenfabrik Haid&Neu ist die Technologiefabrik beheimatet,
bei Wolff&Sohn residiert die Polizei und auf dem Gaswerksgelände
entsteht gerade der neue Ostauepark.
Dort sah es vor über 900 Jahren noch ganz anders aus. Das mächtige
Kloster Gottesaue - im Jahre 1094 gegründet - prägte seit dem
Mittelalter unsere Gegend. Nach einer wechselhaften Geschichte u.a. als
markgräfliches Schloss und als Kaserne dient es heute nach dem
Wiederaufbau der Musikhochschule als Domizil. Erst vor kurzem wurde im
ehemaligen Marstall die Opernschule eröffnet.
Unmittelbar beim Schloss hat seit einigen Jahren das Open-Air-Kino der
Schauburg im Sommer seinen Standort. Im Herbst zieht dann wieder Leben
in einige alte Schlachthofgebäude ein, wenn das Kulturzentrum Tollhaus
seine Sommerpause beendet hat.
Die südliche Oststadt war seit Großherzogs Zeiten vom Militär
geprägt, als 1818 badische Soldaten hier einquartiert wurden. Einige
Gebäude erinnern noch daran, wie z.B. das Kommandantenhaus in der
Gottesauer Straße 8. Damit sich die Soldaten auch richtig wohl
fühlten, nannte man die Gasthäuser dort entsprechend
"Kanone", "Deutsches Schwert" und
"Granate", letztere heute weithin bekannt als Szenekneipe
"Kippe". Ob sich die friedliebenden Gäste des Lokals dieser
Tradition wohl bewusst sind? Wenige Meter weiter kann man in einem
ehemaligen Militärgebäude Salsa tanzen ("Terracotta").
Dort gleich um die Ecke befindet sich die Lohfeldsiedlung, um deren
Erhalt es in der letzten Zeit einige Diskussionen gab. Wohnen und
Arbeiten hieß es in der Oststadt. Davon zeugen beispielsweise die
Häuser von Wolff&Sohn oder die Straßenbahnerwohnungen.
Die Straßenbahn beherrscht unseren Stadtteil seit ihren Anfängen.
Schon als Pferdebahn fuhr sie durch die Durlacher Allee, einer alten
Straßenverbindung von Karlsruhe über Durlach ins Pfinztal. Gegenüber
dem Schlachthof steht auch das erste Depot. Das Durlacher Tor war schon
früher ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, schließlich fuhr hier auch noch die Lokalbahn von Spöck bis Durmersheim, von den
Karlsruhern liebevoll das "Lobberle" genannt. Erst im
Frühjahr 2001 wurden die letzten Schienenreste aus der Kapellenstraße
entfernt. Überreste sind heute am Ettlinger Tor auf Höhe des
"Substage" zu besichtigen.
In der Oststadt befand sich auch der Karlsruher Güterbahnhof, auf
dessen Gelände die neue Kriegsstraße-Ost als B 10 verläuft und somit
unsere Durlacher Allee vom Durchgangsverkehr entlastet.
Das Durlacher Tor wird überragt von der Bernharduskirche, die gerade
ihr 100-jähriges Bestehen feiert. 1901 wurde sie in neogotischem Stil
fertiggestellt. Die evangelische Lutherkirche am Gottesauer Platz wurde
dagegen im Jugendstil von den bedeutenden Architekten Curjel&Moser
(Kaufhaus Karstadt) erbaut. 1907 wurde das Gotteshaus eingeweiht. Vor
ihm steht mächtig Martin Luther, in der einen Hand die Bibel haltend,
die andere weist nach oben (Böse Zungen behaupten sie warne die
Karlsruher vor einer Reise nach Durlach!).
Bei den Nationalsozialisten hieß der Gottesauer Platz
Hermann-Göring-Platz. Die Nationalsozialisten waren auch dafür
verantwortlich, dass der weitaus bekannte und beliebte jüdische
Direktor der Kinderklinik am Durlacher Tor, Dr. Franz Lust, Berufsverbot
bekam und abgesetzt wurde. Der alte jüdische
Friedhof an der Kriegsstraße (bis 1896) blieb allerdings von den Nazis
verschont, weil er wohl etwas abseits lag und weniger bekannt war.
Die Oststadt beherbergt noch heute eine Anzahl an Friedhöfen: Den alten
an der Kapellenstraße mit einigen erhaltenen Grab- und Denkmälern.
Besonders das Monument von 1848, das an die bei der Revolution
gefallenen Preußen erinnern soll (für die getöteten und emigrierten
Revolutionäre gab's leider nichts) sowie den neuen Hauptfriedhof,
entworfen von Josef Durm. Die beiden angrenzenden israelitischen
Friedhöfe und schließlich noch das Mausoleum als großherzogliche
Grabkapelle im Fasanengarten.
Trotz dieser großen Anzahl an Friedhöfen ist die Oststadt auch ein
Stadtteil von Leben und Zukunft. Die Oststadt beherbergt die
Technologiefabrik: Eine Einrichtung, die Existenzgründern im
Technologiebereich den Weg in die Selbstständigkeit erleichtern und
unterstützen soll. Zahlreiche kleinere und auch größere Unternehmen
im Informatikbereich haben sich in der Oststadt bereits angesiedelt.
Stellvertretend ist hier das stark expandierende Unternehmen PTV in der
Haid-und-Neu-Straße zu nennen. Diese Unternehmen schätzen die Oststadt
unter anderem auch wegen ihrer Nähe zur angrenzenden Universität mit
ihrer international anerkannten Informatikfakultät. Ein Nebeneinander
von Wohnen und Arbeiten wird somit auch in Zukunft die Oststadt prägen.
Das direkte Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten im Stadtteil hat einen
gewissen Charme, den viele schätzen. Dieses Nebeneinander kann aber
auch durch übermäßigen Lärm und Verkehr die Lebensqualität im
Stadtteil mindern. Um diesem vorzubeugen und um die Oststadt auch für
junge Familien und Kinder wieder attraktiver zu machen, werden von der
Stadt Karlsruhe sowie von Bund und Land in den kommenden Jahren über 18
Millionen DM für die Erneuerung der Oststadt bereitgestellt. Bei diesem
Stadtteilerneuerungsprogramm sollen erstmals nicht nur bauliche Mängel
im Stadtteil behoben sondern verstärkt auch soziale und
gesellschaftliche Strukturen berücksichtigt werden. Die Oststadt wird
zukünftig Modell für bürgerschaftliches Engagement im Rahmen der
Stadtteilentwicklung der Stadt Karlsruhe sein.
Die Oststadt erhält auch mehr Grün: Vom Ostauenpark wird ein Grünzug
über das Schloss Gottesaue in die Oststadt führen. Der Bürgerverein
der Oststadt setzt sich intensiv für den kompletten Erhalt der
Grünflächen zwischen Durlacher Allee und Schloss Gottesaue ein, da
diese zum Teil für eine erneute Bebauung reserviert sind.
Die Oststadt ein Stadtteil, an dessen Entwicklung und Zukunft es sich
lohnt mitzuarbeiten und zu gestalten, so dass auch in Zukunft die
Oststadt nur durch wohlriechende Düfte geprägt sein wird. |