William John Thoms prägte zum ersten Mal 1846 das Wort in einer Londoner Zeitung.
Er meinte damit Volksüberlieferung und Volkskunde und im engeren Sinne all das Sing-,
Tanz- und Musiziergut in der Urform, also nicht stilisiert, gedichtet, komponiert und bearbeitet.
Von Deutschland aus gesehen ist meist das Fremde gemeint. Denn tausend Jahre Musikgeschichte
haben all das, was auf dem Urboden einmal gewachsen war, aufgesogen und zur Kunst erhoben.
Vielleicht ist das Gefühl des Überzüchtetseins, das in unserer Zeit die Sehnsucht nach dem Unberührten,
dem Naturhaften aufkommen ließ.
Bei dieser Betrachtung kann man leicht einem Trugschluß erliegen, denn so unberührt ist das Singgut nicht,
das auf uns zukommt. Es ist längst vermarktet und kommerziell ausgeschlachtet. Raffiniert aber hat man den
exotischen Zauber erhalten.
Der sozialkritische Folk-Song Amerikas floß ebenfalls in den Folklorebegriff ein.
Aber die Protestsongs unserer Breiten waren bald entschärft, der Folk-Song wurde zum Anti-Volkslied,
wobei er eigentlich kaum mehr Unterschiede zu diesem aufweist und eine Alibifunktion erhalten hat.
Von der usprünglichen Folklore ist nicht mehr viel geblieben. Ungeformt ist sie ja auch nicht praktikabel.
Wie wollte man sie denn im Chor realisieren? So ist sie eigentlich nur mehr ein Signet für "junge Generation",
für deren Weltbild und Lebensgefühl. Und wenn Singgruppen sich ihrer bedienen, so sind die Erscheinungsformen
sehr unterschiedlich, ja oft sogar ganz gegensätzlich. Die einen spüren mit fast wissenschaftlicher Akribie
den Ursprüngen im Erscheinungsland nach, die anderen machen unter ihrem Namen frisch-fröliche Schlager- und
Unterhaltungsmusik.
Das Folklore-Ensemble hat einen eigenen Weg eingeschlagen: Die Verbindung und Durchdringung fremder Kultur
mit den ästhetischen Leitbildern abendländischer Musik, wobei weitgehend die Ursprache beibehalten wird.
Die folkloristischen Instrumentalfarben sind dabei im Klavierklang gebündelt. Es ist so etwas wie eine
Edel-Folklore entstanden. Dass diese Form den Singenden viel geben kann und auch einem Publikum gefällt,
zeigen die Stücke, die bisher in das Repertoire des Folklore-Ensembles aufgenommen wurden.
Frank Reifenstahl
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