Kultur: Hermann Hesse Literaturpreis 2009 für Alain Claude Sulzer aus der Schweiz"Kalligraf der geschmeidigen Sprache"
Für seinen Roman "Privatstunden" (Suhrkamp Verlag), in dem er vor der Atmosphäre des Kalten Krieges die melancholische Mesalliance einer 34-jährigen Deutschlehrerin zu ihrem 12-jährigen Schüler schildert, erhielt der 56-jährige Sulzer im Bürgersaal des Rathauses die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung. Als einen "Kalligrafen der geschmeidig dahin fließenden Sprache" feierte Krause den Schweizer Prosaautor, der sich literarische und konjunkturelle Moden vom Leib halte. Mit dem Roman zeige sich Alain Claude Sulzer als "eleganter Stilist und einfühlsamer Psychologe", der vor dem Hintergrund der politischen Erschütterungen in der Tschechoslowakei von 1968 Erosionen einer Ehe im gehobenen Schweizer Bürgertum "diskret, aber sehr eindringlich als "bewegtes Seelendrama" entfaltet, "das bis in die feinsten Verästelungen hinein behutsam ausgeleuchtet wird", urteilte die Jury: Tilmann Krause (Die Welt), Hubert Spiegel (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Gunhild Kübler (Neue Zürcher Zeitung), Elisabeth Wittig (Karlsruher Literaturwissenschaftlerin). Der diesjährige mit 5.000 Euro dotierte Förderpreis ging an den in den USA lehrenden Wiesbadener Christophe Fricker (31) für dessen Gedichtband "Das schöne Auge des Betrachters" (Verlagshaus J.Frank). Auf eine Ebene mit literarischen Schwergewichten wie Johann Wolfgang von Goethe, Rainer Maria Rilke und Gottfried Benn hob Hansgeorg Schmidt-Bergmann (Literarische Gesellschaft Karlsruhe) den Lyriker in seiner Laudatio. Dass für die zweijährige Vergabe des Förderpreises trotz solider Finanzen weitere Zuschüsse willkommen seien, stelle Schmitt-Bergmann als Vorsitzender der Stiftung Hermann Hesse Literaturpreis fest. Die Jury lobte Fricker als einen Lyriker, dessen Texte "in bewusster Anknüpfung an die Gedankenlyrik Stefan Georges von Freundschaft und Liebe, kurzum von der Erschütterung des Herzens, in jener Zeit" sprächen, "in der für schöne Seelen wenig Platz ist". Fricker selbst nennt seinen einfühlsam illustrierten kleinen Gedichtband ein Buch mit Zeilen zu "Mythen und Alltäglichem, zu schmerzhaft Schönem und aufreibend Ungereimten". Auf den Namensgeber des Literaturpreises bezog sich Oberbürgermeister Heinz Fenrich in seiner Festrede und zitierte Marcel Reich-Ranickis Stellungnahme zu Hermann Hesses "Steppenwolf," in der der Literaturkritiker formulierte: "Ich habe ihn, nicht ganz freiwillig, dreimal gelesen: In den dreißiger Jahren war ich entzückt, in den fünfziger Jahren enttäuscht, in den sechziger Jahren entsetzt." In dieser zwiespältigen Haltung, so Fenrich, spiegle sich erstaunlich präzise die Literaturkritik zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wider. Hesses Lyrik sei im quirligen Literaturbetrieb der Weimarer Republik als "Fremdkörper", "unzeitgemäß", und "neoromantischer Kitsch" empfunden worden. Die Diskussion, was Literatur in der modernen Gesellschaft vermag und anstreben solle, werde nie beendet sein. Der Hermann Hesse Literaturpreis trage zu Diskussion und Ermutigung von Autorinnen und Autoren bei.
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