Ehemalige Zwangsarbeiter: Chance auf neues Bild von KarlsruheSiebter Besuch ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter in der Fächerstadt
Von 1997 bis heute hat die Stadt Karlsruhe sieben Mal ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter samt Begleitpersonen und Dolmetschern, insgesamt 294 Personen willkommen geheißen. Sie kamen aus Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Polen, Tschechien, Russland, Weißrussland und der Ukraine. Anlass für die erste Visite war vor elf Jahren die Eröffnung des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM). Gebaut worden waren die ZKM-Hallen jedoch bereits im Ersten Weltkrieg für die Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM). Im Zweiten Weltkrieg hatten rund 17 000 Menschen in verschiedenen Betrieben der Fächerstadt, darunter Tausende bei den DWM und bei der Stadt gearbeitet. Rund 600 überlebten diese Zeit nicht. Die zahlenmäßig stärkste Gruppe mit 2 386 Personen stellten dabei die Polen. Die Stadt unterhielt oder vermietete zahlreiche Lager, in denen die Gefangenen meist bei schlechter Ernährung und ebensolcher Unterbringung am oder unter dem Existenzminimum lebten. Eingesetzt waren sie aber auch bei der Müllabfuhr, der Straßenreinigung und -unterhaltung, bei Kanalarbeiten und im Rheinhafen. Und zu Hunderten bei oft lebensgefährlichen Aufräumarbeiten nach Bombenangriffen.
Der seit 1989 inzwischen mit deutschem Pass in Wörth lebende Delegationsleiter der jetzt eingeladenen Gruppe, Kamil Wieczorek, arbeitet gegenwärtig für die Stiftung polnisch-deutsche Aussöhnung in Warschau. Er bezeichnete die Einladungen nicht nur für die Stadt als wichtig, die sich so ihrer Vergangenheit stelle und wichtige Bildungsarbeit leiste, sondern auch für die Verschleppten, die aus ihrer Heimat heraus gerissen und in der Fremden Stadt schwere Arbeit leisten mussten. Nun aber hätten sie die Möglichkeit, „ihr Bild Deutschlands und Karlsruhes zu ändern". Beispielhaft zitierte er eine ehemalige Zwangsarbeiterin: „Es tut so gut hier zu sein, die Menschen beschimpfen uns nicht mehr, sondern sie behandeln uns wie ein rohes Ei. Verzeihen kann ich trotzdem nicht, denn die Leute von damals leben nicht mehr. Deshalb will ich nur danken". Das Besuchsprogramm hat die Gäste auf den Hauptfriedhof, zum polnischen Gottesdienst in St. Franziskus, in das ZKM, nach Grötzingen, zu einem Zeitzeugengespräch in die Zivildienstschule und nach Baden-Baden geführt. Dabei erzählte die 79jährige Izabela Malyszka, dass sie bereits mit elf Jahren in der DWM Posen für den Flugzeugbau „große Teile polieren musste. Das war sehr anstrengend". Nach dem Bombardement der dortigen Fabrik wurde sie auf Viehwagen nach Karlsruhe deportiert. Untergebracht wurde sie in einem Lager, das von Läusen und Flöhen verseucht war. Am schlimmsten aber sei das schlechte und zu wenige Essen gewesen. In der DWM hieß es dann zwölf Stunden arbeiten, unterbrochen von lediglich zwei 15minütigen Pausen für Frühstück und Mittagessen. Der Aufseher habe während der Arbeit alle geschlagen und getreten. Als er aber sah, dass der Krieg endete, habe „er geheult und sich entschuldigt". Wichtigste Überlebensstrategie sei gewesen, sich nicht umzubringen und genügend zu essen zu bekommen. Später kam Izabela bei der Witwe Guttmann, deren Mann in Russland gefallen war, in einem Privatzimmer unter. Diese habe ihr stets geholfen. Ihr letzte furchtbare Zeit in Deutschland verbrachte sie dann nach dem Bombenangriff im Dezember 1944 in Zell im Wiesenthal. Über die Schweiz kehrte sie 1947 nach Polen zurück.
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Stadt Karlsruhe 2008 - Inhalt: Presse- und Informationsamt - Web: Medienbüro